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Lausitzer Rundschau
Handwerkskammer für sichere Chaos-Tage
27.07.2001
Cottbus.
An einem "Aufruf an die Jugend von Cottbus " beteiligt sich die Cottbuser Handwerkskammer. Das Schreiben wurde von der Redaktion der Internet-Adresse www.netzmuetze.de verfasst, auf der immer wieder virtuelle Flugblätter mit Hinweisen zu den Chaos-Tagen auftauchen. Diese Flugblätter kündigen die Chaos-Tage in Cottbus für den 3. bis 5.August an (RUNDSCHAU berichtete). Aus dem Aufruf: "Wir möchten gerne, dass unsere Stadt Cottbus, unsere Heimat, nicht zu einem Schauplatz unkontrollierter Gewalt umfunktioniert wird. " Weiter heißt es: "Auch wenn Sie sich von der drohenden Arbeitslosigkeit in eine kalte Ecke gedrängt fühlen, aus der Sie nur schwer wieder alleine wieder herauszufinden scheinen, so ist doch Gewalt noch nie eine Lösung für solche Probleme gewesen und wird es sicher auch nie sein. " Der Aufruf schließt mit dem Satz: "Feiern Sie die sogenannten Chaos-Tage und haben Sie viel Spaß. Aber bitte lassen Sie sich nicht zu gewalttätigen Aktionen hinreißen, damit auch Ihre Feier ordentlich und sicher über die Bühne gehen kann. " Handwerkskammer-Sprecherin Irene Göbel erklärt dazu: "Wir fanden, dass wir mit unserem Namen für einen solchen Aufruf einstehen können. " rw
Vorfreude auf Chaos-Tage
Dienstag, 17. Juli 2001
Die ersten Plakate hängen schon in Cottbus. Plakate zu den Chaos-Tagen vom
3. bis 5. August, vor denen sich Geschäftsleute und Kommunalpolitiker
fürchten und auf die sich die Cottbuser Punks freuen. Zunächst tun die Punks
jedoch ganz unbedarft.
Eine große Gruppe von ihnen steht in der Sprem, hält Ausschau nach der
Polizei und will nicht öffentlich mit der Organisation der Chaos-Tage in
Zusammenhang gebracht werden. Wie viele Leute nach Cottbus kommen werden?
Wissen wir nicht. Dazu grinst Thomas (alle Namen von der Redaktion
geändert), 18 Jahre alt, als wüsste er doch mehr. Oder als wolle er so tun,
als wisse er mehr.
Also: Was weiß er?
In Cottbus soll es eine große Party geben, ein bundesweites Punker-Treffen.
Es werden hoffentlich so viele Punks in die Stadt kommen, dass die Polizei
den Überblick verliert.
Sind Randale geplant?
Alles soll friedlich bleiben, sagt Jens, ebenfalls 18 Jahre alt. Wenn wir
aber was von der Polizei abkriegen, gehen wir natürlich gegen sie vor.
Geplant sei allerdings gar nichts. Alles geschieht spontan. Sonst wären es
ja keine Chaos-Tage. In Cottbus werben die Punks auf etwas verschraubte
Weise für das große Ereignis. Mit Transparenten seien sie durch die Stadt
gezogen, erzählen Thomas und Jens: Ordnung muss sein, Wir brauchen keine
Chaoten, Nein zu den Chaos-Tagen in Cottbus. Der Grund für den
vermeintlichen Protest: Solche Aktionen finden jetzt öfter statt, um auf die
Chaos-Tage aufmerksam zu machen.
Polizeisprecher Peter Boenki gibt sich bedeckt. Keine neuen Erkenntnisse.
Verbieten ließen sich solche Treffen nicht, die Polizei könne jedoch vor Ort
Platzverbot an Krawallmacher aussprechen. Gespräche mit Behörden in
Hannover, dem Schauplatz bisheriger Chaos-Tage, seien im Gange. Wir glauben
nicht, dass sich in Cottbus etwas Spektakuläres abspielen wird.
Wie es dazu kam, dass Cottbus als möglicher Austragungsort der nächsten
Chaos-Tage gilt, erläutert Thomas. Dabei achtet er darauf, immer in der
Möglichkeitsform zu sprechen, sich bloß nicht zu genau festzulegen: Es
könnte ja sein. Es könnte ja sein, dass drei Leute zu Hause sitzen, sich
sagen, Chaos-Tage in Cottbus wären geil, und ein paar Flyer verfassen. Dazu
E-Mails an wichtige Internet-Adressen, und schon klappt es. Mehrere hundert
Flyer sollen in Cottbus kursieren. Anderes mögliches Szenario: Vielleicht
bleibt es in Cottbus still. Vielleicht ist das nur ein Ablenkungsmanöver.
Still blieb es auch zuletzt in Hannover: Außer den Polizisten kam niemand zu
den Chaos-Tagen.
Ein Problem haben die Cottbuser Punks nach eigener Aussage und wohl nicht
nur sie: Je stärker das Echo auf die Nachricht von den Chaos-Tagen ausfällt,
desto mehr müssten sie fürchten, dass Rechtsextreme eine Gegendemonstration
in Cottbus anzetteln. Das ist unsere große Sorge, sagt Thomas. Es könnte ja
passieren, dass die Nazis das Ding stürmen.
Eine Botschaft mehr, vor der sich sicher auch die Cottbuser Geschäftsleute
fürchten. Detlef Bothe, Betreiber der Gaststätte Stadt Cottbus, hatte
angekündigt: Sollte das Treffen in Cottbus stattfinden, schließe er für
diesen Zeitraum sein Haus. Für die Angst der Geschäftsleute haben die Punks
nur ein amüsiertes Lächeln übrig. Die sollten glücklich sein, Chaos-Tage
sind ein Impuls für die Jugend, erklärt Jens. Die Gastwirte werden
schweinemäßigen Umsatz machen. Vielleicht ist die Angst vor kaputten
Schaufenstern aber größer als die Hoffnung auf den großen Umsatz. So ein
Quatsch. Die Punks werden schon nicht die Innenstadt kurz und klein hauen.
Im Übrigen, sagt Jens: Randale gibt es bei Chaos-Tagen meistens erst abends
nach 23 Uhr.
Das klingt kaum beruhigend.
Ach, was. Wie sieht es bei der Loveparade in Berlin aus? Die pinkeln den
Park voll, kloppen sich, und Polizisten feiern mit bunten Nasen mit. Was
treibt die Jugendlichen an? Wir wollen uns von den Eltern distanzieren, sagt
Jens. Wir wollen den totalen Bruch. Es macht Spaß, schief angeguckt zu
werden. So ein geiles Gefühl.
Chaos um Chaos-Tage in Cottbus
Von Jürgen Becker 06.07.2001
Im Internet kursieren inzwischen drei Städtenamen Der Name steht für Pöbeleien, öffentliche Trinkgelage, Straßenschlachten mit der Polizei: Die Chaos-Tage verbreiteten in Hannover jahrelang Angst und Schrecken.
Im Internet kursieren nun Ankündigungen: Cottbus, Dortmund, inzwischen auch Hannover werden als Städte für Krawalle Anfang August genannt. Das Chaos regiert schon vor den Chaos-Tagen.
Sommer 1996: Die Polizei lässt ihre Muskeln spielen. Vier voll bepackte Wasserwerfer, drei Räumpanzer und etwa 20 Mannschaftswagen stehen in der prallen Sonne, wie zum Tag der offenen Tür aufgereiht. Die Beamten haben es sich bequem gemacht, dösen im Schatten ihrer Kleinbusse. Die Bunthaarigen, die sich in der Hannoveraner Nordstadt aufhalten, haben sie längst mehrfach überprüft. Dutzende Reporter und Fernsehteams streifen durch die Straßen, auf der Suche nach Punks, die trinkend und grölend ihrem Straßenköter-Image gerecht werden. Fündig werden sie nicht. Die angekündigten Chaos-Tage verpuffen im Nichts.
Die Punks hatten wieder einmal nur mit ihren Lieblingsfeinden gespielt: den Polizisten und dem Rechtsstaat. Und sie hatten den mit 6000 Beamten größten Polizeieinsatz in der Geschichte Hannovers provoziert. Das war ein Jahr, nachdem 1995 Hunderte Punks und Autonome in Hannover Barrikaden in Brand gesteckt, Fensterscheiben eingeworfen, Polizisten verletzt und einen Supermarkt ausgeplündert hatten. Bei Konzerten, im Internet und in Szene-Magazinen hatten sie vorher für diese Veranstaltung geworben. In der Punk-Szene ist das Video zu diesen Chaos-Tagen noch heute ein Knüller erhältlich nur unter dem Ladentisch.
Nun scheinen die Punks oder Provokateure wieder ihre Spielchen mit der Staatsgewalt spielen zu wollen. Seit Tagen geistern die Chaos-Tage 2001 durchs Internet. Netz-Nutzer bombardieren zum Beispiel das Internet-Magazin Netzmütze mit virtuellen Flugblättern. Auf jeden Fall vom 3. bis 5. August in Cottbus, ist auf ihnen zu lesen. Oder: Hannover war geil, Cottbus wird besser!
Auf anderen Internet-Seiten tauchen ähnliche Aufrufe auf. Anfang der Woche Cottbus und Dortmund, heute Hannover die Namen der Städte, in denen die Chaos-Tage stattfinden sollen, wechseln fast täglich. Im Netz herrscht schon vor den Chaos-Tagen, wenn sie denn stattfinden sollten, das Chaos.
Netzmütze-Redakteur Falk Fiedler ist den Urhebern der Mails, die er erhält, nachgegangen bislang vergeblich. Die Adresse war falsch, sagt Fiedler. Auch die Polizeibeamten stochern bei ihrer Suche nach den Urhebern der virtuellen Flugblätter im Nebel. Ihre Spur verliert sich im Cyberspace. Was im Internet steht, ist der einzige Hinweis, den wir haben, sagt der Cottbuser Polizeisprecher Peter Boenki. Es gibt keine anderen sichtbaren Hinweise, dass sich die Chaoten auf Cottbus konzentrieren werden. In Cottbus, schätzen Kenner der Szene, gibt es ohnehin nur etwa zwei Dutzend Punks.
Cottbuser mit Hannover in Kontakt
Die Behörden nehmen die Ankündigungen dennoch ernst, obwohl wir nicht annehmen, dass sich hier etwas Spektakuläres abspielen wird, wie Polizeisprecher Boenki sagt. Mit Hannover haben die Cottbuser inzwischen einen ersten Kontakt aufgenommen zum Erfahrungsaustausch.
Nach der Orgie der Gewalt 1995 hatten die niedersächsischen Behörden dort ihre Strategie geändert: Schon Tage vor den angekündigten Chaos-Tagen kontrollierte die Polizei bekannte Punks und Autonome, sprach potenzielle Störer an, erklärte ganze Stadteile zu Schutzzonen, erteilte Platzverweise. Wer sich nicht daran hielt, den nahmen die Beamten in Gewahrsam. In der ganzen Stadt galt: Kein Eintritt für auswärtige Bunthaarige. Wir haben hier seit 1995 keine Chaos-Tage mehr, sagt ein Hannoveraner Polizeisprecher. Seit die Polizeiführung gewechselt hat.
Spiel mit dem Lieblingsfeind
Den Beamten gelang es tatsächlich, Hannover durch 3000 Platzverweise Punk-frei zu halten. Die Szene wich einfach aus. In Bremen schlug sie des Nachts kurz zu. Die Polizei kassierte 74 Jugendliche ein, nachdem diese Autoscheiben eingehauen und eine Kreuzung besetzt hatten.
In Bremen mussten die Behörden zunächst auf die Eskalation der Gewalt warten: Bei vorbeugenden Maßnahmen sind den Behörden die Hände gebunden. Die Punk-Treffen sind keine regulär angemeldete Veranstaltung. Deshalb kann man sie auch gar nicht verbieten, sagt der Cottbuser Polizeisprecher Peter Boenki.
Sein Dortmunder Kollege Peter Schulz scheint sich indes schon jetzt zurückzulehnen trotz der Ankündigungen im Netz. Chaos-Tage? Ich habe Chaos hier, erklärt Peter Schulz, der gerade seine Schicht angetreten hat, und lacht. Auf meinem Schreibtisch.
Viel weiß auch die Dortmunder Polizei nicht. Wir kennen die Internet-Adressen, erklärt Schulz nur lapidar. Konkrete Erkenntnisse, dass das hier stattfindet, haben wir nicht. Wir sehen das gelassen.
Das Phantom Chaos-Tage: Es hält die Behörden schon seit einigen Jahren auf Trab. Immer wieder angekündigt immer wieder abgeblasen. In Hannover präsentierte sich stets dasselbe Bild: Keiner da außer grün-weiße Ordnungshüter. Die Provokateure lachten sich ins Fäustchen. Und das Spielchen der Punks mit der Staatsmacht geht weiter.
Gastwirt fordert Verbot der Chaos-Tage
"Stadt Cottbus " -Betreiber: Mache das Haus dicht
Cottbus. 05.07.2001
Angst vor den Chaos-Tagen: "Wenn die Chaos-Tage tatsächlich in Cottbus stattfinden, mache ich das Haus dicht " , sagt Detlef Bothe, Betreiber der Traditions-Gaststätte "Stadt Cottbus " mitten in der Sprem. Die Stadtverwaltung solle die per Internet für Anfang August angedrohten Chaos-Tage verbieten, fordert Bothe. Dazu will er Unterschriften sammeln zunächst bei seinen Gästen, demnächst auch bei benachbarten Händlern und Gastronomen. Gleichzeitig denke er darüber nach, einen Rechtsanwalt die Sachlage prüfen zu lassen. Bothe: "Ich lebe von den Tanzveranstaltungen an den Wochenenden. " Durch die Chaos-Tage befürchte er Schäden am Haus sowie Umsatzverluste durch ausfallende Veranstaltungen. Vertreter des Ordnungsdezernates werden in der kommenden Woche in Hannover Schauplatz bisheriger Chaos-Tage mit der dortigen Verwaltung und der Polizei reden. Der Cottbuser Polizeisprecher Peter Boenki hatte erklärt, dass sich solche Veranstaltungen "nicht verbieten lassen " . Die Polizei werde vorbereitet sein und gegen bekannte Krawallmacher Platzverweise aussprechen. Nach den Hinweisen im Internet drohen Cottbus Chaos-Tage vom 3. bis 5.August. Gleichzeitig wird auch Dortmund genannt. jg
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