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Dienstag, 06. Januar 2009 |
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Moishe Postone Nationalsozialismus und Antisemitismus Ein theoretischer Versuch I Meine Absicht ist nicht die Beantwortung der Frage, warum dem Naziismus und dem modernen Antisemitismus ein historischer Durchbruch in Deutschland gelungen ist. Ein solcher Versuch muesste einer Betrachtung der Besonderheit deutscher Entwicklung Rechnung tragen: darueber ist zur Genuege gearbeitet worden. Dieser Essay will vielmehr untersuchen, was damals durchbrach: eine Betrachtung derjenigen Aspekte des modernen Antisemitismus, die als unabdingbarer Bestandteil des deutschen Nationalsozialismus betrachtet werden muessen. Dies auch als ein Ansatz, die Vernichtung des europaeischen Judentums zu erklaeren, als die notwendige Voraussetzung einer adaequaten Beantwortung der Frage, warum es gerade in Deutschland geschah. Was ist die Besonderheit des Holocaust und des modernen Antisemitismus? Sicher keine Frage der Quantitaet, sei es der Zahl der Menschen, die ermordet worden sind, noch des Ausmasses ihres Leidens. Die Frage zielt vielmehr auf die qualitative Besonderheit. Bestimmte Aspekte der Ausrottung des europaeischen Judentums bleiben so lange unerklaerlich, wie der Antisemitismus als blosses Beispiel fuer Vorurteil, Fremdenhass und Rassismus allgemein behandelt wird, als Beispiel fuer Suendenbock-Strategien, deren Opfer auch sehr gut Mitglieder irgendeiner anderen Gruppe haetten gewesen sein koennen. Charakteristisch fuer den Holocaust war der verhaeltnismaessig geringe Anteil an Emotion und unmittelbarem Hass (im Gegensatz zu Pogromen zum Beispiel); dafuer aber ein Selbstverstaendnis ideologischer Mission, und, was das wichtigste ist: Der Holocaust hatte keine funktionelle Bedeutung. Die Ausrottung der Juden war kein Mittel zu einem anderen Zweck. Sie wurden nicht aus militaerischen Gruenden ausgerottet oder um gewaltsam Land zu nehmen (wie bei den amerikanischen Indianern); es ging auch nicht um die Ausloeschung der potentiellen Widerstandskaempfer unter den Juden, mit dem Ziel, den Rest als Heloten besser ausbeuten zu koennen. (Dies war uebrigens die Politik der Nazis Polen und Russen gegenueber.) Es gab auch kein "aeusseres" Ziel. Die Ausrottung der Juden musste nicht nur total sein, sondern war sich selbst Zweck - Ausrottung um der Ausrottung willen -, ein Zweck, der absolute Prioritaet beanspruchte. 1 Eine funktionalistische Erklaerung des Massenmords und eine Suendenbock-Theorie des Antisemitismus koennen nicht einmal im Ansatz erklaeren, warum in den letzten Kriegsjahren, als die deutsche Wehrmacht von der Roten Armee ueberrollt wurde, ein bedeutender Teil des Schienenverkehrs fuer den Transport der Juden zu den Gaskammern benutzt wurde und nicht fuer die logistische Unterstuetzung des Heeres. Ist die qualitative Besonderheit der Ausrottung des europaeischen Judentums einmal erkannt, wird klar, dass Erklaerungsversuche, die sich auf Kapitalismus, Rassismus, Buerokratie, sexuelle Unterdrueckung oder die autoritaere Persoenlichkeit stuetzen, viel zu allgemein bleiben. Die Besonderheit des Holocaust erfordert eine spezifischere Vermittlung, um sie wenigstens im Ansatz zu verstehen. Die Ausrottung des europaeischen Judentums steht natuerlich in Beziehung zum Antisemitismus. Die Besonderheit des ersteren muss auf letzteren bezogen werden. Darueber hinaus muss der moderne Antisemitismus im Hin- blick auf den Nazismus als Bewegung verstanden werden - eine Bewegung, die in der Sprache ihres eigenen Selbstverstaendnisses eine Revolte war. Der moderne Antisemitismus, der nicht mit dem taeglichen antijuedischen Vorurteil verwechselt werden darf, ist eine Ideologie, eine Denkform, die in Europa im spaeten 19. Jahrhundert auftrat. Sein Auftreten setzt Jahrhunderte frueherer Formen des Antisemitismus voraus. Antisemitismus ist immer ein integraler Bestandteil der christlichwestlichen Zivilisationgewesen. Allen Formen des Antisemitismus ist eine Vorstellung von juedischer Macht gemeinsam: die Macht, Gott zu toeten, die Beulenpest loszulassen oder, in juengerer Zeit, Kapitalismus und Sozialismus herbeizufuehren. Ein manichaeisches Denken; die Juden spielen darin die Rolle der Kinder der Finsternis. Nicht nur Ausmass, sondern auch Qualitaet der den Juden zugeschriebenen Macht unterscheidet den Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus. Alle Formen des Rassismus schreiben dem Anderen potentielle Macht zu. Diese Macht ist gewoehnlich, aber konkret - materiell und sexuell - die Macht des Unterdrueckten (als Macht des Verdraengten), die Macht des "Untermenschen". Die den Juden antisemitisch zugeschriebene Macht wird nicht nur als groesser, sondern auch im Unterschied zur rassistischen Vorstellung ueber eine potentielle Macht der "Untermenschen" als wirklich angesehen. Seine qualitative Andersartigkeit im modernen Antisemitismus wird mit Attributen wie mysterioese Unfassbarkeit, Abstrakthelit und Allgemeinheit umschrieben. Diese Macht erscheint gewoehnlich nicht als solche, sondern muss ein konkretes Gefaess, einen Traeger, eine Ausdrucksweise finden. Weil diese Macht nicht konkret gebunden, nicht "verwurzelt" ist, wird sie als ungeheuer gross und schwer kontrollierbar empfunden. Sie steht hinter den Erscheinungen, ist aber nicht identisch mit ihnen. Ihre Quelle ist daher verborgen: konspirativ. Die Juden stehen fuer eine ungeheuer machtvolle, unfassbare internationale Verschwoerung. Ein Naziplakat bietet ein plastisches Beispiel fuer diese Wahrnehmung: Es zeigt Deutschland - dargestellt als starken, ehrlichen Arbeiter -. das in Westen durch einen fetten, plutokratischen John Bull bedroht ist und im Osten durch einen brutalen, barbarischen, bolschewistischen Kommissar. Jedoch sind diese beiden feindlichen Kraefte blosse Mariionetten. Ueber den Rand des Globus, die Marionetten fest in der Hand, spaeht der Jude. Eine solche Vision war keineswegs Monopol der Nazis. Der moderne Antisemitismus ist dadurch gekennzeichnet, dass die Juden fuer die geheime Kraft hinter jenen Widersachern, dem plutokratischen Kapitalimus und dem Sozialismus gehalten werden. "Das internationale Judentum" wird darueber hinaus als das wahrgenommen, was hinter dem "Asphaltdschungel" der wuchernden Metropolen, hinter der "vulgaeren, materialistischen, modernen Kultur" und, generell, hinter allen Kraeften, die zum Niedergang althergebrachter sozialer Zusammenhaenge, Werte und Institutionen fuehren, steht. Die Juden stellen demnach eine fremde, gefaehrliche und destruktive Macht dar, die die soziale "Gesundheit" der Nation untergraebt. Fuer den modernen Antisemitismus ist nicht nur sein saekularer Inhalt charakteristisch, sondern auch sein systemartiger Charakter. Er beansprucht, die Welt zu erklaeren. Diese deskriptive Bestimmung des modernen Antisemitisrnus ist zwar notwendig, um ihn von Vorurteil oder Rassismus im allgemeinen zu unterscheiden; sie kann jedoch als solche noch nicht die innere Beziehung zum Nationalsozialismus aufzeigen. Die Absicht also, die uebliche Trennung zwischen einer sozio-oekonomischen Analyse des N.azisrnus und einer Untersuchung des Antisemitismus zu ueberwinden, ist auf dieser Ebene noch nicht erfuellt. Es bedarf einer Erklaerung des oben beschriebenen Antisemitismus, die faehig ist, beides zu vermitteln. Sie muss sich historisch auf die gleichen Kategorien stuetzen, die fuer die Erklaerung des Nationalsozialismus gueltig sind. Es ist nicht meine Absicht, sozialpsychologische oder psychoanalytische Erklaerungen zu negieren, sondern vielmehr einen historischerkenntnistheoretischen Zusammenhang zu erlaeutern, innerhalb dessen weitere psychologische Spezifizierung stattfinden kann. Solch ein Zusammenhang muss den besonderen Inhalt des modernen Antisemitismus fassen und hat insofern historisch zu sein, als erklaert werden muss, warum diese Ideologie - beginnend im ausgehenden 19. Jahrhundert - sich zu jener Zeit so verbreitete. Fehlt ein solcher Zusammenhang, bleiben alle anderen Erklaerungsversuche, die sich um Subjektivitaet zentrieren, historisch unspezifisch. Es bedarf einer Erklaerung in Form einer materialistischen Erkenntnistheorie. Eine vollstaendige Entfaltung des AntisemitismusProblems wuerde denRahmen dieses Essays bei weitem sprengen. Dennoch gilt es hervorzuheben, dass eine sorgfaeltige ssberpruefung des modernen antisemitischen Weltbildes das Vorliegen einer Denkform deutlich werden laesst, in der dierasche Entwicklung des industriellen Kapitalismus durch den Juden per-sonifiziert und mit ihm identifiziert wird. Es handelt sich dabei nicht umdie blosse Wahrnehmung der Juden als Traeger von Geld - wie im traditionellen Antisemitismus; vielmehr werden sie fuer oekonomische Krisenverantwortlich gemacht und mit gesellschaftlichen Umstrukturierungenund Umbruechen identifiziert, die mit der raschen Industrialisierung einhergehen: explosive Verstaedterung, der Untergang von traditionellen sozialen Klassen und Schichten, das Aufkommen eines grossen, in zuneh-mendem Masse sich organisierenden industriellen Proletariats und soweiter. Mit anderen Worten: Die abstrakte Herrschaft des Kapitals, wiesie besonders mit der raschen Industrialisierung einhergeht, verstricktedie Menschen in das Netz dynamischer Kraefte, die, weil sie nicht durchschaut zu werden vermochten, in Gestalt des "Internationalen Judentums" wahrgenommen wurden. Dies ist nicht wesentlich mehr als ein erster Zugang. Die Person ifizierung ist zwar beschrieben, aber nicht erklaert. Es fehlt die erkenntnistheoretische Begruendung. Ansaetze dazu hat es gegeben. Das Problem jener Theorien - wie der Horkheimers2 -, die sich wesentlich auf die Identifi- zierung der Juden mit dem Geld und damit auf die Zirkulationssphaere beziehen, besteht darin, dass sie nicht imstande sind, die antisemitischeVorstellung einzufangen, Juden stuenden hinter Sozialdemokratie und Kommunismus. Auf den ersten Blick erscheinen Theorien wie die George Mosses3 , die den modernen Antisemitismus als Revolte gegen die "Moderne" interpretieren, angemessener. Das Problem, das sich ihnen stellt, ist wiederum der Umstand, dass die "Moderne" ohne Zweifel das Industriekapital einschliesst, welches - wie bekannt - gerade nicht Objekt antisemitischer Angriffe war; und dies sogar in der Periode rascher Industrialisierung. Noetig ist also ein Ansatz, der die Unterscheidung zwischendem trifft, was moderner Kapitalismus ist und der Form, in der er erscheint; also die Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung. DasKonzept der "Moderne" erlaubt eine solche Unterscheidung freilichnicht. II Diese Ueberlegung fuehrt zu Marx' Begriff des Fetischs, einem Begriff, der die Grundlage einer historischen Erkenntnistheorie bildet, die sich in derUnterscheidung zwischen dem Wesen der kapitalistischen Verhaeltnisseund ihren Erscheinungsformen gruendet. Was dem Begriff des Fetischs vorausgeht, ist Marx' Analyse der Ware, des Geldes, des Kapitals als Formen gesellschaftlicher Verhaeltnisse und nicht nur als blosse oekonomische Bestimmungen.4 Nach seiner Analyse erscheinen kapitalistische Formen gesellschaftlicher Beziehungen nicht als solche, sondern druecken sich in vergegenstaendlichter Form aus. Weil Arbeit im Kapitalismus auch die Funktion einer gesellschaftlichen Vermittlung hat ("abstrakte Arbeit"), ist die Ware nicht bloss Gebrauchsgegenstand, in dem konkrete Arbeit vergegenstaendlicht ist, sondern sie verkoerpert auch gesellschaftliche Verhaeltnisse. Vorkapitalistisch waren Gebrauchsgegenstaende nach traditionellen Beziehungs- und Herrschaftsformen verteilt; im Kapitalismus aber sind Waren selber gesellschaftliche Vermittlung anstelle unmittelbarer sozialer Verhaeltnisse. Die Ware hat einen "Doppelcharakter": Wert und Gebrauchswert. Als Objekt drueckt die Ware soziale Verhaeltnisse aus und verschleiert sie gleichzeitig. Diese Verhaeltnisse haben keine andere, davon unabhaengige Ausdrucksform. Durch diese Form der Vergegenstaendlichung gewinnen die gesellschaftlichen Verhaeltnisse des Kapitalismus ein Eigenleben, sie bilden eine "zweiteNatur", ein System von Herrschaft und Zwaengen, das - obwohl gesellschaftlich - unpersoenlich, sachlich und "objektiv" ist und deshalb natuerlich zu sein scheint. Diese gesellschaftliche Dimension bestimmt die Waren und ihre Produktionsweise. Der Fetisch verweist nun auf dieDenkweisen, die auf Wahrnehmungen und Erkenntnissen basieren, die in den Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Verhaeltnisse befangen bleiben. Betrachtet man die besonderen Charakteristika der Macht, die der moderne Antisemitismus den Juden zuordnet - naemlich Abstraktheit, Unfassbarkeit, Universalitaet, Mobilitaet - dann faellt auf, dass es sich hierbei um Charakteristika der Wertdimension jener gesellschaftlichen Formen handelt, die Marx analysiert hat. Mehr noch: diese Dimension - wie die den Juden unterstellte Macht - erscheint nicht unmittelbar, sondern nimmt vielmehr die Form eines stofflichen Traegers, der Ware, an. Um die oben beschriebene Personifizierung zu deuten und dabei dieFrage zu klaeren, warum der moderne Antisemitismus, der sich gegen soviele Aspekte der "Moderne" wandte, sich dem industriellen Kapital und der modernen Technologie gegenueber so verdaechtig still verhielt, wird es an dieser Stelle noetig sein zu analysieren, wie kapitalistisch-gesellschaftliche Verhaeltnisse sich darzustellen pflegen. Ich beginne mit der Warenform als Beispiel. Die dialektische Einheit von Wert und Gebrauchswert in der Ware erfordert, dass dieser "Doppelcharakter" sich in der Wertform entaeussert, in der er "doppelt" erscheint: als Geld (die Erscheinungsform des Werts) und als Ware (die Erscheinungsform des Gebrauchswerts). Diese Entaeusserung erweckt den Schein, als enthalte die Ware, die eigentlich sowohl Wert wie Gebrauchswert ausdrueckt, nur letzteren, das heisst, sie erscheint als rein stofflich und"dinglich". Weil die gesellschaftliche Dimension der Ware dabei entfaellt, stellt sich das Geld als einziger Ort des Wertes dar, als Manifestation des ganz und gar Abstrakten anstatt als entaeusserte Erscheinungsform der Wertseite der Ware selbst. Die dem Kapitalismus eigene Form vergegenstaendlichter gesellschaftlicher Beziehun- gen erscheint so auf der Ebene der Warenanalyse als Gegensatz zwischen Geld als Abstraktem einerseits und stofflicher Natur andererseits. Die kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen scheinen ihren Ausdruck nur in der abstrakten Dimension zu finden - etwa als Geld und als aeusserliche, abstrakte, allgemeine"Gesetze". Ein Aspekt des Fetischs ist also, dass kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen nicht als solche in Erscheinung treten, und sich zu dem antinomisch, als Gegensatz von Abstraktem und Konkretem, darstellen. Und weil beide Seiten der Antinomie vergegenstaendlicht sind, erscheint jede als quasi-natuerlich: Die abstrakte Seite tritt in der Gestalt von "objektiven" Naturgesetzen auf, und die konkrete Seite erscheint als reine stoffliche Natur. Die Struktur entfremdeten gesellschaftlicher Beziehung,die dem Kapitalismus eigen ist, hat die Form einer quasinatuerlichen Antinomie, in der Gesellschaftliches und Historisches nicht mehr erscheinen. Diese Antinomie wiederholt sich im Gegensatz positivistischer und romantischer Denkweisen. Die Mehrzahl der kritischen Untersuchungen fetischistischer Denkformen bezieht sich vor allem auf jenen Strang derAntinomie, der das Abstrakte als ueberhistorisch hypostasiert - das soge- nannte buergerliche Denken - und damit den gesellschaftchen und historischen Charakter der bestehenden Beziehungen verschleiert. In diesem Beitrag geht es um einen anderen Strang, naemlich um jene Formen von Romantizismus und Revolte, die ihrem Selbstverstaendnis nach anti-buergerlich sind, in Wirklichkeit jedoch das Konkrete hypostasieren und damit innerhalb der Antinomie der kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen verharren. Formen antikapitalistischen Denkens, die innerhalb der Unmittelbarkeit dieser Antinomie verharren, tendieren dazu, den Kapitalismus nur unter der Form der Erscheinungen der abstrakten Seite dieser Antinomie wahrzunehmen, zum Beispiel Geld als "Wurzel allen Uebels". Dem wird die bestehende, konkrete Seite dann als das "natuerliche" oder ontologischMenschliche, das vermeintlich ausserhalb der Besonderheit kapitalistischer Gesellschaft stehe, positiv entgegengestellt. So wird - wie etwa beiProudhon - konkrete Arbeit als das nichtkapitalistische Moment verstanden, das der Abstraktheit des Geldes entgegengesetzt ist.5 Dass konkrete Arbeit selbst kapi- talistische gesellschaftliche Beziehungen verkoerpert und von ihnen materiell geformt ist, wird nicht gesehen. Mit der Fortentwicklung des Kapitalismus, der Kapitalform und ihres Fetischs bekommt die dem Warenfetisch innewohnende Naturalisierung neue Dimensionen. Wie bei der Warenform ist die Kapitalform durch das antinomische Verhaeltnis des Abstrakten und Konkreten, die beide natuerlich erscheinen, gekennzeichnet. Die Qualitaet des "Natuerlichen" ist aber unterschiedlich. Die des Warenfetischs ist die letzten Endes harmonische Beziehung einzelner abgeschlossener Einheiten. (Dieses Denkrnodell steht nicht nur hinter der klassischen politischen Oekonomie, sondern auch hinter dem Fruehsozialismus und Anarchismus). Das Kapital ist nach Marx in seiner prozessualen Form als selbstverwertender Wert charakterisiert, als die unaufhoerliche rastlose Selbstvermehrung des Wertes. Es erscheint in der Form von Geld sowie in der von Waren, das heisst, es hat keine fertige und endgueltige Gestalt. Kapital erscheint als rein abstrakter Prozess. Seine konkrete Dimension aendert sich dementsprechend: Individuelle Arbeiten bilden nicht laenger abgeschlossene Einheiten, sondern werden mehr und mehr zu Teilkomponenten eines groesseren dynamischen Systems, das Mensch wie Maschine umfasst und dessen Zweck Produktion um der Produktion willen ist. Das Ganze wird groesser als die Summe der sie konstituierenden Individuen und hat einen Zweck, der ausserhalb ihrer liegt. Die Kapitalform gesellschaftlicher Verhaeltnisse hat einen blinden, prozessualen, quasi-organischen Charakter. Die dem Fetisch immanente Naturalisierung wird zunehmend biologisch aufgefasst. Das mechanische Weltbild des 17. und 18. Jahrhunderts verliert an Bedeutung; mehr und mehr uebernehmen organische Prozesse an Stelle statischer Mechanik die Form des Fetischs. Das drueckt sich zum Beispiel in der Verbreitung solcher Denkformen aus wie der Lehre vomStaat als lebendigem Organismus, aber auch in den Rassentheorien und der zunehmenden Bedeutung des Sozialdarwinismus im spaeten 19. Jahrhundert. Gesellschaft wie historischer Prozess werden zunehmend biologisch begriffen. Diesen Aspekt des Kapitalfetischs will ich jedoch hier nicht weiter verfolgen. Festzuhalten ist, welche Wahrnehmungsweisen von Kapital sich daraus ergeben. Wie angedeutet, laesst der "Doppelcharakter" auf der logischen Ebene der Warenanalyse die Arbeit als ontologische Betaetigungsweise erscheinen und nicht als eine Taetigkeit, die materiell von den gesellschaftlichen Beziehungen geformt wird; er stellt die Ware als reinstoffliches Ding dar und nicht als Vergegenstaendlichung vermittelter gesellschaftlicher Beziehungen. Auf der logischen Ebene des Kapitals laesst der "Doppelcharakter" (Arbeits- und Verwertungsprozess) industrielleProduktion als ausschliesslich materiellen schoepferischen Prozess, abloesbar vom Kapital, erscheinen. Die manifeste Form des Konkreten ist nun organischer. So kann das industrielle Kapital als direkter Nachfolger "natuerlicher" handwerklicher Arbeit auftreten und, im Gegensatz zum "paraslitaeren" Finanzkapital, als "organisch" verwurzelt. Seine Organisation scheint der Zukunft verwandt zu sein; der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem es sich befindet, wird als eine uebergeordnete organischeEinheit gefasst: Gemeinschaft, Volk, Rasse. Kapital selbst - oder das, was als negativer Aspekt des Kapitalismus verstanden wird - wird lediglich in der Erscheinungsform seiner abstrakten Dimension verstanden: als Finanz- und zinstragendes Kapital. In dieser Hinsicht steht die biologistische Ideologie, die die konkrete Dimension (des Kapitalismus) als "natuerlich" und "gesund" dem Kapitalismus (wie er erscheint) gegenueberstellt, nicht im Widerspruch zur Verklaerung des Industriekapitals und seiner Technologie. Beide stehen auf der"dinglichen" Seite der Antinomie. Das wird gewoehnlich missverstanden. So zum Beispiel von Norman Mailer, der in einer Verteidigung des Neo- Romantizismus (und des Sexismus) in seinem Buch The Prisoner of Sex schrieb, dass Hitler zwar von Blut gesprochen, aber die Maschine gebaut habe. Dabei blieb unverstanden: In fetischtstischem "Antikapitalismus" dieser Art wird beides, Blut wie Maschine, als konkretes Gegenprzinzip zum Abstrakten gesehen. Die positive Hervorhebung der "Natur", des Blutes, des Bodens, der konkreten Arbeit, der Gemeinschaft, geht ohne weiteres zusammen mit einer Verherrlichung der Technologie und des industriellen Kapitals. DieseDenkweisen sind genausowenig anachronistisch oder Ausdruck einer historischen Ungleichzeitigkeit zu nennen, wie der Aufsteig von Rassentheorien im spaeten 19. Jahrhundert als Atavismus aufzufassen ist. Sie sind historisch neue Denkformen, nicht die Wiederauferstehung einer aelterenForm. Sie erscheinen nur als atavistisch oder anachronistisch auf grund ihrer Betonung der biologischen Natur. Das ist jedoch selbst Teil des Fetischs, der das "Natuerliche" als "wesensgemaess" und -ursprungsnaeher erscheinen laesst und die geschichtliche Entwicklung als zunehmend kuenstliech. Solche Denkformen begleiten die Entwicklung des industriellen Kapitalismus. Sie sind Ausdruck jenes antinomischen Fetischs, der die Vorstellung erzeugt, das Konkrete sei "natuerlich", und dabei das gesellschaftlich "Natuerliche" zunehmend so darstellt, dass es biologisch erscheint. Diese Form des "Antikapitalismus" erscheint daher nur so, als ob sie sehnsuechtig rueckwaerts gewandt sei; als Ausdruck des Kapitalfetischs draengt sie in Wirklichkeit vorwaerts. Sie tritt auf im Uebergang vom liberalen zum organisierten industriellen Kapitalismus.6 Diese Form des "Antikapitalismus" beruht also auf dem einseitigen Angriff auf das Abstrakte. Abstraktes und Konkretes werden nicht in ihrer Einheit als begruendende Teile einer Antinomie verstanden, fuer die gilt, dass die wirkliche Ueberwindung des Abstrakten - der Wertseite - die geschichtlich-praktische Aufhebung des Gegensatzes selbst sowie jeder seiner Seiten einschliesst. Statt dessen findet sich lediglich der einseitige Angriff gegen die abstrakte Vernunft, das abstrakte Recht und, auf anderer Ebene, gegen das Geld- und Finanzkapital. So gesehen entspricht dieses Denken seiner komplementaeren liberalen Position in antinomischer Weise: Im Liberalismus bleibt die Herrschaft des Abstrakten unbefragt; eine Unterscheidung zwischen positiver und kritischer Vernunft wird nicht getroffen. Der "antikapitalistische" Angriff bleibt jedoch nicht bei der Attackeauf das Abstrakte als Abstraktem stehen. Selbst die abstrakte Seite erscheint vergegenstaendlicht. Auf der Ebene des Kapitalfetischs wird nicht nur die konkrete Seite naturallsiert und biologisiert, sondern auch die erscheinende abstrakte Seite, die nun in Gestalt des Juden wahrgenommen wird. So wird der Gegensatz von stofflich Konkretem und Abstraktem zum rassischen Gegensatz von Arier und Jude. Der moderne Antisemitismus besteht in der Biologisierung des Kapitalismus - der selbst nur unter der Form des erscheinenden Abstrakten verstanden wird - als internationales Judentum. Meiner Deutung nach wurden die Juden also nicht nur mit dem Geld,das heisst der Zirkulationssphaere, sondern mit dem Kapitalismus ueberhaupt gleichgesetzt. Diese fetischisierende Anschauung schloss in ihrem Verstaendnis des Kapitalismus alle konkreten Aspekte wie Industrie undTechnologie aus. Der Kapitalismus erschien nur noch als das Abstrakte,das wiederum fuer die ganze Reihe konkreter gesellschaftlicher und kultureller Veraenderungen, die mit der schnellen Industrialisierung verbunden sind, verantwortlich gemacht wurde. Die Juden wurden nicht bloss als Repraesentanten des Kapitals angesehen (in diesem Fall waeren die antisemitischen Angriffe wesentlich klassenspezifischer gewesen), sie wurden vielmehr zu Personifikationen der unfassbaren, zerstoererischen, unendlich maechtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals. Bestimmte Formen kapitalistischer Unzufriedenheit richteten sich gegen die in Erscheinung tretende abstrakte Dimension des Kapitals in Gestalt des Juden, und zwar nicht etwa, weil die Juden bewusst mit der Wertdimension identifiziert worden waren, sondern vielmehr deshalb, weil durch den Gegensatz seiner konkreten und abstrakten Dimensionen der Kapitalismus selbst so erscheinen konnte. Deshalb geriet die "antikapitalistische" Revolte zur Revolte gegen die Juden. Die Ueberwindung des Kapitalismus und seiner negativen Auswirkungen wurde mit der Ueberwindung der Juden gleichgesetzt.7 III Obwohl die innere Verbindung zwischen jener Art des "Antikapitalismus", der den Nationalsozialismus beeinflusste, und dem Antisemitismus gezeigt worden ist, bleibt die Frage offen, warum die biologische Interpretation der abstrakten Seite des Kapitalismus sich an den Juden festmacht. Diese "Wahl" war innerhalb des europaeischen Kontextes keineswegs zufaellig. Die Juden haetten durch keine andere Gruppe ersetzt werden koennen. Dafuer gibt es vielfaeltige Gruende. Die lange Geschichte des Antisemitismus in Europa und die damit verbundene Assoziation Juden = Geld ist wohlbekannt. Die Periode der schnellen Expansion des industriellen Kapitals im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts fiel mit der politischen und gesellschaftlichen Emanzipation der Juden in Mitteleuropa zusammen. Die Zahl der Juden an den Universitaeten, in den freien Berufen, im Journalismus, den schoenen Kuensten, im Einzelhandel nahm immer schneller zu - das heisst, die Juden wurden in der buergerlichen Gesellschaft rasch aufgenommen, besonders in Sphaeren und Berufen, die sich gerade ausweiteten und mit der neuen Form verbunden waren, die die Gesellschaft gerade annahm. Man koennte viele andere Faktoren berueck-sichtigen. Einen moechte ich hervorheben: Ebenso wie die Ware, als gesellschaftliche Form, ihren "Doppelcharakter" in dem entaeusserten Gegensatz zwischen dem Abstrakten (Geld) und dem Konkreten (der Ware) ausdrueckt, so ist die bourgeoise Gesellschaft durch die Trennung von (politischem) Staat und (buergerlicher) Gesellschaft charakterisiert. Im Individuum stellt sie sich als Trennung zwischen Staatsbuerger und (Privat-) Person dar. Als Staatsbuerger ist das Individuum abstrakt. Das drueckt sich zum Beispiel in der Vorstellung von der Gleichheit aller vor dem (abstrakten) Gesetz (zumindest in der Theorie) aus oder in der Forderung "eine Person, eine Stimme". Als eine (Privat-) Person ist das Individuum konkret, eingebettet in reale Klassenbeziehungen, die als "privat" angenommen werden; das heisst, sie betreffen die buergerliche Gesellschaft (im Gegensatz zum Staat) und sollen keinen politischen Ausdruck finden. In Europa war jedoch die Vorstellung von der Nation als einem rein politischen Wesen, abstrahiert aus der Substantialitaet der buergerlichen Gesellschaft, nie vollstaendig verwirklicht. Die Nation war nicht nur eine politische Entitaet, sie war auch konkret, durch eine gemeinsame Sprache,Geschichte, Traditionen und Religion bestimmt. In diesem Sinne erfuellten die Juden nach ihrer politischen Emanzipation als einzige Gruppe inEuropa die Bestimmung von Staatsbuergerschaft als rein politischer Abstraktion. Sie waren deutsche oder franzoesische Staatsbuerger, aber keine richtigen Deutschen oder Fran- zosen. Sie gehoerten abstrakt zur Nation aber nur selten konkret. Sie waren ausserdem noch Staatsbuerger der meisten europaeischen Laender. Diese Realitaet der Abstraktheit, die nicht nur die Wertdimension in ihrer Unmittelbarkeit kennzeichnet, sondern auch mittelbar den buergerlichen Staat und das Recht, wurde genau mit den Juden identifiziert. Ineiner Periode, in der das Konkrete gegenueber dem Abstrakten, dem "Kapitalismus" und dem buergerlichen Staat verklaert wurde, entstand daraus eine fatale Verbindung: Die Juden wurden als wurzellos, interna-tional und abstrakt angesehen. IV Der moderne Antisemitismus ist also eine besonders gefaehrliche Form des Fetischs. Seine Macht und Gefahr liegen darin, dass er eine umfassende Weltanschauung liefert, die verschiedene Arten antikapitalistischer Unzufriedenheit scheinbar erklaert und ihnen politischen Ausdruck verleiht. Erlaesst den Kapitalismus aber dahingehend bestehen, als er nur die Personifizierung jener gesellschaftlichen Form angreift. Ein so verstandener Antisemitismus ermoeglicht es, ein wesentliches Moment des Nazismus als verkuerzten Antikapitalismus zu verstehen. Fuer ihn ist der Hass auf das Abstrakte charakteristisch. Seine Hypostasierung des existierenden Konkreten muendet in einer einmuetigen, grausamen - aber nicht notwendig hasserfuellten Mission: der Erloesung der Welt von der Quelle allen Uebels in Gestalt der Juden. Die Ausrottung des europaeischen Judentums ist ein Anzeichen dafuer,dass es viel zu einfach ist, den Nazismus als eine Massenbewegung mit antikapitalistischen Obertoenen zu bewerten, die diese Huelse 1934 im Roehm-Putsch abwarf, nachdem sie erst einmal ihren Zweck erreicht undsich in Form staatlicher Macht gefestigt hatte. Zum einen sind die ideologischen Formen nicht einfach Bewusstseinsmanipulationen. Und zum anderen missversteht diese Auffassung das Wesen des "Antikapitalismus" der Nazis - das Ausmass, in dem es der antisemitischen Weltanschauung innerlich verbunden war. Es stimmt, dass auf den zu konkreten und plebejischen "Antikapitalismus" der SA 1934 verzichtet wurde; nicht jedoch auf die antisemitische Grundhaltung - die "Erkenntnis", dass dieQuelle allen Uebels das Abstrakte sei - der Jude. Und die Folgen: Eine kapitalistische Fabrik ist ein Ort, an dem Wert produziert wird, der "ungluecklicherweise" die Form der Produktion von Guetern annehmen muss. Das Konkrete wird als der notwendige Traeger des Abstrakten produziert. Die Ausrottungslager waren demgegenueber keine entsetzliche Version einer solchen Fabrik, sondern muessen eher als ihre groteske arische "antikapitalistische" Negation gesehen werden. Auschwitz war eine Fabrik zur "Vernichtung des Werts", das heisst zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu "befreien". Der erste Schritt dazu war die Entmenschlichung, das heisst die "Maske" der Menschlichkeit wegzureissen und dieJuden als das zu zeigen, was "sie wirklich sind", Schatten, Ziffern, Ab-straktionen. Der zweite Schritt war dann, diese Abstraktheit auszurotten, sie in Rauch zu verwandeln, jedoch auch zu versuchen, die letzten Reste des konkreten gegenstaendlichen "Gebrauchswerts" abzuschoepfen: Kleider, Gold, Haare, Seife. Auschwitz, nicht die "Machtergreifung" 1933, war die wirkliche "Deutsche Revolution" - die wirkliche Schein- "Umwaelzung" der be-stehenden Gesellschaftsformation. Diese Tat sollte die Welt vor der Tyrannei des Abstrakten bewahren. Damit jedoch "befreiten" die Nazis sich selbst aus der Menschheit. Militaerisch verloren die Nazis den Krieg. Sie gewannen ihren Krieg, ihre "Revolution" gegen das europaeische Judentum. Sie ermordeten nicht nur sechs Millionen juedische Kinder, Frauen und Maenner. Es ist ihnen gelungen, eine Kultur zu zerstoeren - eine sehr alte Kultur -, die des europaeischen Judentums. Diese Kultur war durch eine Tradition gekennzeichnet, die eine komplizierte Spannung von Besonderheit und Allgemeinheit in sich vereinigte. Diese innere Spannung wurde als aeussere in der Beziehung der Juden zu ihrer christlichen Umgebung verdoppelt. Die Juden waren niemals voellig Teil der groesseren Gesellschaften, in denen sie lebten; sie waren auch niemals voellig ausserhalb dieser Gesellschaften. Dies hatte fuer die Juden haeufig verheerende Auswirkungen, manchmal jedoch auch sehr fruchtbare. Dieses Spannungsfeld sedimentierte sich im Zuge der Emanzipation in den meisten juedischen Individuen. Die schliessliche Loesung dieser Spannung zwischen Besonderem und Allgemeinem ist in der juedischen Tradition eine Funktion der Zeit, der Geschichte -die Ankunft des Messias. Vielleicht jedoch haette das europaeische Judentum angesichts der Saekularisierung und Assimilation jene Spannung aufgegeben. Vielleicht waere jene Kultur schrittweise als lebendige Tradition verschwunden, bevor die Aufloesung des Besonderen und des Allgemeinen verwirklicht worden waere. Hierauf wird es niemals mehr eine Antwort geben koennen.
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