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Die radikale Linke und ihr Krieg
»Wozu sind Kriege da?« (Udo Lindenberg)
Selten gingen die Einschätzungen verschiedener linker Strömungen so weit auseinander wie in der Analyse und der daraus folgenden Positionierung zum Krieg um das Kosovo. Und selten haben sich eben diese Positionen so sehr auf die Logik der herrschenden Verhältnisse eingelassen.
Denn so groß die Unterschiede waren (und sind), so sehr einigt die verschiedenen linken Strömungen doch der Verzicht auf jede Weiterentwicklung von Denkmustern der »alten« Linken der 70er und 80er. Statt Perspektiven für gesellschaftliche Transformationsprozesse zu suchen, haben sie sich fast ausnahmslos darauf beschränkt, sich auf eine der beteiligten Seiten zu schlagen. Bezugspunkt waren dabei nicht Basis-Initiativen von Linken oder KriegsgegnerInnen, sondern staatliche (Deutschland, Jugoslawien, USA), suprastaatliche (NATO) und protostaatliche (UCK) Formationen.
Eine Ignoranz gegenüber der sozialen Linken der Region und die Unfähigkeit, sich von dem an Nationalstaatlichkeit und Machtbegriffen der alten realsozialistischen Linken verhafteten Begriffssystem zu verabschieden, prägt die Theorie und Praxis vieler Linker. Eine Praxis, die denen die Solidarität verweigert, die sie verdienen: nicht- und antinationalistischen Gruppen, die es bis heute auf allen beteiligten Seiten gibt. Im Rahmen dieser Fixierung auf die Kriegsparteien gibt es keine denkbare Position, die nicht auch von Linken eingenommen wurde. Das Spektrum reichte von der aktiven Unterstützung der NATO-Angriffe und der UCK, über verschiedene pazifistische und prinzipielle Antikriegspositionen, bis hin zur publizistischen Rückendeckung für die Kriegsführung des Milosevic-Regimes gegen die Kosovo-Guerilla und kosovo-albanische ZivilistInnen.
Zur besonderen Rolle von Bündnis ’90 / Die Grünen, die vor dem Hintergrund ihrer Geschichte die zynischen Legitimationsversuche à la »Nie wieder Auschwitz!« erfolgreicher als die anderen Fraktionen der deutschen Modernisierungs-Eliten artikulieren konnten, ist in den Zeitschriften der radikalen Linken bereits viel geschrieben worden. Der Krieg um das Kosovo war in diesem Sinne ihr Krieg, nämlich als eine willkommene Gelegenheit zur Demonstration ihrer neuen gesellschaftlichen Funktion.
Doch nicht nur die Grünen haben sich durch den Krieg bestätigt gefunden, sondern auch diejenigen Linken, die sich selbst als deren radikalste Gegner gefallen: das sogenannte antideutsche Spektrum.
Die Auseinandersetzung mit den Thesen dieser Strömung ist für die innerlinke Diskussion von zentraler Bedeutung. Hauptsächlich aus zwei Gründen: Erstens, weil die Antideutschen es in den letzten Jahren vermocht haben, mit ihren Diskursen die wichtigsten und auflagenstärksten Medien der radikalen Linken (konkret, die alte junge Welt, jungle World) entweder zu dominieren oder doch zumindest stark zu beeinflussen und mit eigenen Medien (Bahamas, 17°) versuchen, Akzente zu setzen. Zweitens, weil sie mit ihren Argumentationen in der zahlenmäßig schwachen und politisch unsicheren Antikriegs-Bewegung eine wichtige Rolle gespielt haben. Trotz mangelnder Praxis sind sie die einzige greifbare, gruppenübergreifende und überregionale Strömung geblieben, die als Argumentationslieferantin für viele diente, die sich bisher nicht mit den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien beschäftigt haben. Gerade deren Bedürfnis bediente das antideutsche Argumentationsschema besonders gut, weil es in einem tatsächlich äußerst vielschichtigen und komplizierten Konflikt simplifizerend eindeutig »böse« und »gut« voneinander unterschied und so klare Orientierungspunkte in the middle of mania zu bieten schien. »Böse«: Das imperialistische Weltmachtbündnis, das mit skrupelloser Gewalt Jugoslawien zerstören will und sich dabei einer faschistoiden, kriminellen, großalbanischen Nationalisten-Clan-Bande, der UCK, bedient und diese politisch und militärisch aufbaut. Deutschland spielte dabei die Rolle des Vorreiters und Scharfmachers bis die USA sich an die Spitze setzte, um ihre dominierende Rolle abzusichern. »Gut«: Opfer der westlichen, insbesondere deutschen Großmachtgelüste ist Serbien / Jugoslawien, das sich dem Verwertungsregime des Weltmarktes entzieht und außerdem als Erbfeind und Prügelknabe Deutschlands fungiert. Um diese Analysefiguren herum gruppierten sich verschiedene sekundäre Argumentationslinien, historische Herleitungen bzw. Verfälschungen, Verschwörungsszenarien etc. Auf diese soll im folgenden eingegangen werden.
Zunächst jedoch eine Klarstellung: Einige zentrale »antinationale« bzw. »antideutsche« Kritikpunkte haben nicht nur ihre Berechtigung, sondern sind sogar von eminenter Bedeutung für eine linke Kritik am Krieg. Es ist eindeutig zu denunzieren, dass die Bundesregierung den »humanitär« begründeten Krieg nutzte, um Deutschlands Rolle als gleichberechtigte Großmacht zu unterstreichen. In Zukunft wird deutsche Außenpolitik (auch) wieder militärisch geführt werden – mit allen Konsequenzen der inneren und äußeren Mobilmachung. In diesem Zusammenhang waren die Legitimations-Anstrengungen von Fischer und Scharping, die Milosevic und die seinen auf eine Stufe mit Adolf Hitler, den Nazis und der Wehrmacht stellten, besonders perfide, wurden doch so zwei Fliegen mit einer Klappe erledigt: Einerseits die Notwendigkeit des Krieges nachdrücklich begründet, und andererseits wurde ganz im Sinne des rechtslastigen Geschichtsrevisionismus der Nationalsozialismus und die Shoa relativiert. Es ist ein Hohn, von einem Krieg in der Verantwortung des Holocaust zu sprechen und gleichzeitig ein Land zu bombardieren, das seine Ursprünge im Widerstand gegen den Nationalsozialismus hat: Etliche Opfer der Shoa und Verfolgte des Naziregimes haben in Jugoslawien eine Zuflucht gefunden.
Die Rot-Grünen haben Deutschland wieder gutgebombt. Auch auf diese Weise erweisen sich die Rot-Grünen als die effektiveren Modernisierer und Geschichtsrevisionisten. Eine derartige Argumentation hätte kein CDU-Politiker wagen können, ohne auf massive öffentliche Kritik zu stoßen (siehe dazu auch Artikel von Wolfgang Wippermann in dieser Arranca!).
Wenn wir im Folgenden von »Antideutschen« sprechen, ist vorher noch klar zu stellen, dass sich durchaus verschiedene sich widersprechende Positionen zum Balkan-Krieg herausgebildet haben. Exemplarisch dafür stehen Heiner Möller (Bahamas) und Markus Bickel (Jungle World). Wir greifen einzelne antideutsche Denkfiguren heraus, die mit besonderem Nachdruck vertreten wurden und uns als besonders kritikwürdig erscheinen.
Die »Deutschlandistamkriegschuldthese«
»Die völkerrechtliche Anerkennung der Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien durch Deutschland 1991 hat den Krieg in Jugoslawien ausgelöst.« So oder ähnlich lautet die Standardfloskel, mit der viele entsprechende Analysen beginnen oder schließen. Die Behauptung dient in aller Regel explizit oder implizit dazu, darauf hinzuweisen, dass das vereinigte Deutschland im nationalistischen Taumel nach 1989 sofort nach hergebrachter imperialistischer Manier ans Werk ging, um seinen Einfluß nach Ost- und Südosteuropa auszudehnen. Dabei waren und sind ihm alle Mittel recht. Der Krieg in Jugoslawien erscheint so als ein Krieg der von Deutschland unterstützten Sezessionisten in Slowenien und Kroatien (und jetzt im Kosovo) gegen die vermeintlich immer noch tendenziell sozialistische »Vielvölkerrepublik« Jugoslawien.
Diese These ist zwar nicht ganz falsch, aber unvollständig. Und genau das macht sie gefährlich, weil sie – wenn in dieser Absolutheit vertreten – zu falschen Schlußfolgerungen führt. Zunächst der grundlegende Einwand: Die »Deutschlandistamkriegschuldthese« lenkt den Blick lediglich auf äußere Kriegs-Ursachen und negiert somit alle innerjugoslawischen Widersprüche. Wer es sich mit ihr bequem macht, entledigt sich der unangenehmen Aufgabe, sich als Linker über die inneren Faktoren für das Scheitern des sozialistischen Versuchs in Jugoslawien Gedanken zu machen. Das macht sie erstaunlicherweise auch auf der ganz anderen Seite des linksradikalen Spektrums attraktiv, treffen sich doch hier die Antideutschen mit den Traditions-Antiimps und den sonst als »Nationalbolschewisten« bezeichneten Realsoz-Nostalgikern um die junge Welt und ihren Vordenker Werner Pirker. Die Motive könnten dabei unterschiedlicher kaum sein: Der einen Denkschule geht es darum, keine Kritik am Realsozialismus formulieren zu müssen, die andere möchte das Augenmerk lieber auf Deutschlands Imperialismus gerichtet sehen, als auf komplexe Zusammenhänge wie das Scheitern des sozialistischen Versuchs, weil das ja nur von der vermuteten Verantwortung Großdeutschlands für alles Übel ablenken würde.
Dabei genügt ein Blick auf die Chronologie des Auseinanderbrechens Jugoslawiens um die These zu widerlegen.
Die BRD hat Slowenien und Kroatien am 23. Dezember 1991 völkerechtlich anerkannt, die anderen EG-Länder folgten am 15. Januar 1992 und die USA zog am 7. April 1992 nach. Deutschland nahm also tatsächlich eine Vorreiterrolle ein und setzte die Anerkennungspolitik gegen den Widerstand der anderen westlichen Staaten durch. Nur: Der Krieg war im Dezember 1991 bereits in vollem Gange. Schon im Juni 1991 hatte die jugoslawische Bundesarmee in Slowenien eingegriffen und im Herbst (September-November) hatten nationalistische Serben mit der Unterstützung der Bundesarmee die multi-ethnische Industriestadt Vukovar in Slawonien (heute Kroatien zugeschlagen) angegriffen und belagert. Zwei Monate vor der Anerkennung durch Deutschland fanden auf der Fläche etwa eines Drittels Kroatiens Kampfhandlungen statt.
Nun kann man einwenden, dass allein die Aussicht auf eine völkerrechtliche Anerkennung die Sezession Kroatiens und Sloweniens beschleunigt und so den Konflikt im Sommer 1991 erst provoziert habe. Doch dann sollte man lieber ganz von vorne beginnen. Wer die historische Entwicklung Jugoslawiens insgesamt in den Blick nimmt, wird schnell bemerken, dass die zentrifugal wirkenden Kräfte der verschiedenen Nationalismen bereits Anfang der 70er Jahre deutlich bemerkbar und spätestens seit Beginn der 80er Jahre immer stärker wurden. So erhoben zum Beispiel Massendemonstrationen im Kosovo schon 1981 die Forderung nach dem Republikstatus. Doch damals war Deutschland noch nicht wiedervereinigt, die internationalen Grenzen in Europa schienen noch unverrückbar und eine Anerkennung Kosovos, Kroatiens, Sloweniens, Mazedoniens oder gar Bosnien-Herzegovinas stand nicht im Geringsten in Aussicht. Man darf also eindeutig konstatieren: Für das Auseinanderbrechen Jugoslawiens müssen auch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben, als nur die Anerkennungspolitik Deutschlands 1991. Es gibt also innere Krisenursachen.
Etwas vereinfachend lassen sich diese inneren Krisenursachen so zusammenfassen (an anderer Stelle in dieser Arranca! gehen wir ausführlich darauf ein): In den 70er Jahren trat das Jugoslawische Sozialismusmodell in eine Modernisierungskrise ein, die nach Titos Tod zu Beginn der 80er Jahre in eine manifeste Wirtschafts- und Finanzkrise führte. Die Folgen waren soziale Unruhen, Demonstrationen und Streiks in allen Teilen Jugoslawiens. IWF und Weltbank gossen – wie in so vielen anderen Staaten – mit einem Strukturanpassungsprogramm Öl ins Feuer. Die regionalen Disparitäten in der sozioökonomischen Entwicklung der einzelnen Teile Jugoslawiens vertieften sich in der Folge enorm.
Um ihre politische Machtposition zu behalten, ideologisierten die regionalen Eliten des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) die Wirtschaftskrise in einen Nationalitätenkonflikt um, der schließlich zum Krieg eskalierte.
Wie bereits gesagt: Nicht alles ist an der »Deutschlandistamkriegschuldthese« falsch. Richtig ist die Feststellung, dass die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens im Dezember 1991 den Konflikt in Jugoslawien weiter eskaliert hat. Noch richtiger wäre allerdings zu sagen: Das Eingreifen des Westens und damit auch Deutschlands in die Krise der 80er Jahre hat diese Wirtschaftskrise nicht überwinden helfen, sondern vertieft. Statt das Modell der integrierten wirtschaftlichen Entwicklung der gesamten jugoslawischen Volkswirtschaft zu unterstützen, haben die Strukturanpassungsprogramme die zentrifugalen Kräfte verstärkt. Hier liegt eine ursächliche Verantwortung des Westens (und nicht nur Deutschlands) – und damit des Programms der kapitalistischen Restauration – für den Krieg.
Der Feind meines Feindes ist mein Freund
Ein politisch fatales Resultat der antideutschen Fehldiagnose vom Zerfall Jugoslawiens ist die Positionierung auf seiten eines der kriegshetzenden Nationalismen, nämlich des serbischen. Ganz in der simplifizierenden Logik des »Der Feind meines Feindes ist mein Freund« fordert z. B. Jürgen Elsässer, sich die »Sichtweise der Opfer und Gegner des deutschen Nationalismus, nämlich der Jugoslawen und Serben, zu eigen zu machen« statt, vom »serbischen Faschismus« zu »schwafeln« (konkret 7/99, Seite 17). Da wie oben schon ausgeführt in der Argumentation der Antideutschen und Realsoz-Nostalgikern keine inneren Ursachen für den Zerfall Jugoslawiens existieren, befassen sie sich natürlich auch nicht mit der spezifischen Rolle des serbischen Nationalismus’ in diesem Prozeß. »Die Serben« werden in genau der selben undifferenzierten und letztlich ethnisierenden Art und Weise zu einem Opferkollektiv des deutschen Imperialismus stilisiert, wie sie von seiten der kriegführenden NATO-Propagandamaschine zu einem Verbrecherkollektiv erklärt werden. Dabei ist die Wirklichkeit natürlich komplexer als die billigen Gut-böse-Schemata.
Seitdem 1986 Slobodan Milosevic zum ersten Sekretär des Bundes der Kommunisten in Serbien wurde, setzte er einen aggressiven Nationalismus und den serbisch-nationalen Gründungsmythos um die Schlacht im Amselfeld gezielt ein, um die serbische Gesellschaft zu homogenisieren und soziale wie politische Widersprüche nach außen abzulenken. Es macht natürlich keinen Sinn, den serbischen Nationalismus zu personalisieren, wie dies häufig geschieht. Neben der von Milosevic geführten Sozialistischen Partei Serbiens bedienten auch die meisten anderen politischen Kräfte, die nach dem Zerfall des BdKJ in den letzten Jahren entstanden, den aggressiven Nationalismus, nicht zuletzt die jetzt als »Oppositionelle« gefeierten Vuk Draskovic, Goran Djindjic und vor allem Vojislav Seselj mit ihren jeweiligen Parteien. Dennoch ist Milosevics Rolle zentral. Um jedes Mißverständnis zu vermeiden: Auch alle anderen Nationalismen – vor allem der kroatische – haben maßgeblich zu den Kriegen beigetragen (siehe dazu andere Artikel in dieser Arranca!). Aber Tatsache bleibt: Der serbische Nationalismus stellt eine wichtige Triebkraft für den Zerfall Jugoslawiens dar, seine – wie auch immer geartete – Verteidigung oder Legitimierung verstärkt damit das Problem und kann nicht Teil einer emanzipatorischen Lösung sein.
Praktische Relevanz erlangte die Frage einer Stellungnahme zum serbischen Nationalismus im Zusammenhang mit den Antikriegsdemos. Oft angeführt wurden etwa die Geschehnisse bei einer solchen in Berlin am 23. April 1999, als serbische Milosevic- und Cetnicanhänger aufgefordert wurden, entsprechende Fahnen und Plakate nicht zu zeigen, woraufhin sich zwei Demonstrationszüge bildeten. Dies wäre eine legitime und absolut notwendige Abgrenzung, die nichts mit einer »Serben-Raus«-Forderung zu tun hatte, wie Wertmüller in Bahamas (29/1999) behauptet, sondern schlicht mit einer Distanzierung von einer kriegführenden Partei, und zwar im vollen Bewußtsein, dass nicht alle Serben den aggressiven Nationalismus der Kriegsherren teilen. Doch leider haben die OrganisatorInnen der Demonstration es schlichtweg verpasst, die inhaltliche Ausrichtung der Demonstration auf eben jene emanzipatorische Grundlage zu stellen.
Während sich die Antideutschen mit den Verantwortlichen für die Massaker in Bosnien-Herzegovina und im Kosovo solidarisieren, kann sich eine Antikriegs-Bewegung nur mit den Opfern dieser Politik und denjenigen Serben solidarisieren, die sich ihr entgegenstellen, was Teile der antimilitaritischen Linken in der BRD auch gemacht haben, als sie ihr Augenmerk auf die Solidarität mit jugoslawischen Deserteuren legte. Gleichzeitig sind auch die Massenvertreibungen von serbischen ZivilistInnen aus der Krajina durch die kroatische Armee 1995 und die Hetzjagden auf serbische ZivilistInnen im Kosovo durch die UCK zu denunzieren.
Bahamas und Cetnics – ein Prösterchen auf Nationalismus, Monarchismus und Nazi-Kollaborateure
Zu welchen Spitzen proserbische Positionen führen können, zeigt der Bezug auf die Cetnics, eine ultranationalistische serbische Monarchistengruppe, die während der Okkupation Jugoslawiens durch die Deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs von Draza Mihailovic angeführt wurde. Die Bahamas veröffentlichte zum Beispiel ein Flugblatt mit der Parole »Nasdravlje, Partizani i Cetnici!« (»Prost, Partisanen und Cetnics!«). Mit wem die Bahamas-Redaktion da anstößt, ist wahrscheinlich den wenigsten klar, vielleicht noch nicht einmal ihnen selbst. Deshalb sei an dieser Stelle Tito zitiert: »Wir erklären im Angesicht der ganzen Welt – und dafür tragen wir die volle Verantwortung –, dass die Cetnics Draza Mihailovics seit November 1941 auf der Seite der Okkupatoren [Deutsche Wehrmacht] gegen unser Volksbefreiungsheer und die Partisaneneinheiten kämpfen.«
Der historische Hintergrund: Nach anfänglichem Widerstand gegen die Wehrmacht, stellten die Cetnics ihre Aktionen gegen die Deutschen Ende 1941 ein. Nur wenig später begannen sie, gegen kommunistische Partisanen vorzugehen. Ab Frühjahr 1943 kämpften die Cetnics dann offen im Bündnis mit der Deutschen Wehrmacht gegen die multinationalen Tito-PartisanInnen, um eine kommunistische Machtübernahme zu verhindern. Im weiteren Kriegsverlauf gelang es den Partisanen letztlich, sowohl der Deutsche Wehrmacht als auch deren Verbündeten, den Cetnics, entscheidende Niederlagen beizubringen. Die Ideologie der Cetnics war damals und ist noch heute, ein ethnisch homogenes, monarchistisches Großserbien herzustellen. Während der Okkupation durch die Nazis beteiligten sie sich aktiv am Holocaust an den serbischen Juden und waren maßgeblich für die Ermordung von 80.000 -100.000 Muslimen verantwortlich.
Heute stellt sich der serbische Vizepremier Vojislav Seselj, Führer der Serbischen Radikalen Partei (SRP), propagandistisch in die Tradition der Cetnics. Während des Kosovo-Kriegs beteiligten sich seine Cetnic-Verbände federführend an der Vertreibungskampagne gegen die Kosovo-AlbanerInnen. Seselj und seine Partei stehen in engem Kontakt mit Neofaschisten in Ost- und Westeuropa. Seine Beziehungen zu Le Pen sind bekannt: Zuletzt schickte Le Pen im Oktober 1998 einen Abgesandten nach Belgrad, der Seselj öffentlich und offiziell Unterstützung anbot. Angesichts dieser Tatsache ist es der Gipfel des Zynismus, wenn Jürgen Elsässer auf einer Podiumsdiskussion am 3. Juli 1999 in Berlin die Cetnics, die selbst als Täter am Holocaust beteiligt waren, für eine kurze Phase anfänglichen Widerstands gegen die Wehrmacht lobt.
Blockade für Antikriegsarbeit
Die proserbische Position blockiert jede politische Arbeit, die sich prinzipiell gegen den Krieg wendet. Wenn das Milosevic / Seselj-Regime ausschließlich als Opfer eines großdeutschen Imperialismus’ betrachtet wird, liegt es nahe, keine Kritik an ihnen zu üben, sondern sich bedingungslos zu solidarisieren. Fatal ist dies nicht zuletzt deshalb, weil dadurch die antinationalistische Opposition in Serbien selbst als die 5. Kolonne des BRD-Imperialismus erscheinen muß. Eine Zusammenarbeit mit diesen Kräften kommt also quasi der Unterstützung für Deutschland gleich. Dabei sind es genau die marginalen Kräfte der serbischen antinationalistischen Opposition wie die »Frauen in Schwarz«, mit denen eine Zusammenarbeit notwendig wäre, um eine Alternative zum nationalistischen Gemetzel zu bieten. Bezeichnenderweise waren es in Deutschland hauptsächlich eher antimilitaristische und kulturell orientierte Gruppen sowie vor allem Frauengruppen, die versucht haben, eine solche Zusammenarbeit herzustellen.
Da sich Teile der deutschen Linken weder mit den inneren Ursachen für den Zerfall Jugoslawiens, noch mit der Rolle des serbischen Nationalismus’ auseinandersetzen wollen, sondern ihn als antiimperialistisch verteidigen und nur Deutschland für den Krieg verantwortlich machen, wundert es nicht weiter, dass die UCK zur Geheimdienstgeburt erklärt wird. Die Drahtzieher waren angeblich zunächst der BND, der dann von der CIA verdrängt worden sein soll, als der USA die Kontrolle verloren zu gehen drohte. Kein Wort darüber, dass eine Guerillatruppe wie die UCK natürlich auch über eine massive Unterstützung seitens eines erheblichen Bevölkerungsanteil im Kosovo verfügen muß, um in so kurzer Zeit von einer ex-maoistischen Minitruppe zu einer in Tausenden zu zählenden Armee zu werden. Diese Verschwörungstheorie offenbart das komplette Unverständnis für die Entwicklung Jugoslawiens während der letzten Jahre. Es ist gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass die UCK vom BND finanziell und logistisch unterstützt wurde. Auch für die These, dass die CIA irgendwann den BND bei der Aufrüstung der UCK verdrängt haben soll, gibt es viele plausible Indizien. Aber das alles heißt noch keineswegs, dass die UCK lediglich eine Marionette der westlichen Geheimdienst darstellt. Die entscheidende Ursache für ihr Auftauchen liegt vielmehr in der sozialen und politischen Entwicklung während der letzten Jahre im Kosovo. Dass die UCK mit ihrem großalbanisch-chauvinistischen Programm einen Massenanhang finden konnte, ist eine simple Folge davon, dass die Region extrem verarmte und gleichzeitig eine immer repressivere rassistische Politik gegen die kosovo-albanische Mehrheitsbevölkerung verfolgt wurde. Es soll in diesem Zusammenhang nicht geleugnet werden, dass die UCK und andere albanische Nationalisten den Konflikt bewußt zugespitzt haben, aber es muß betont werden, dass die UCK ein originäres Produkt der Verhältnisse im Kosovo darstellt. Das macht sie natürlich nicht besser. Aber eines ist auch klar: Wer die repressiven Verhältnisse im Kosovo leugnet, verbaut sich auch jede Möglichkeit mit kosovo-albanischen Gruppen und Einzelpersonen ins Gespräch zu kommen, die nicht-nationalistisch orientiert sind.
»Wozu sind Kriege da«, fragte einst Udo Lindenberg, dabei konnte er die Antwort schon damals bei Clausewitz nachlesen: »Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.« Beim Kosovo-Krieg handelte es sich in Wirklichkeit um drei Kriege: Um den Krieg serbischer Nationalisten gegen die UCK und die kosovo-albanische Mehrheitsbevölkerung sowie andererseits um den Krieg der NATO gegen Jugoslawien. Der dritte Krieg bahnt sich gerade an: Der Kampf der UCK um ein von Serben und vor allem auch Roma gesäubertes Kosovo. Jede der Kriegsparteien wird von Motiven getrieben, die nichts mit Humanität zu tun haben. Milosevic und seine Clique wollen die Macht erhalten und bedienen einen großserbischen Chauvinismus. Die UCK-Kämpfer wollen an die Macht gelangen, wozu das Kosovo unabhängig werden muss. Deshalb haben sie geholfen, die NATO-Bombardements zu provozieren. Die Leiden der Zivilbevölkerung kalkulieren diese Nationalisten zynisch mit ein. Die NATO ihrerseits wollte zum 50. Geburtstag ihre unumschränkte Macht demonstrieren und ihre Kontrolle über Südosteuropa festigen, das eine wichtige geostrategische Rolle spielt. Der Schröder-Fischer-Clique kam der Krieg ebenfalls gerade recht, um Deutschlands neue souveräne selbstbewußte Rolle zu demonstrieren. Obwohl es angesichts so viel Schlechtigkeit leicht ist, sich eindeutig zu positionieren, tat sich die deutsche Linke äußerst schwer damit. Anstatt die Nationalismen aller Seiten anzugreifen, die Machtstrategien der kriegführenden Kräfte zu denunzieren und zu versuchen, mit antinationalistischen Gruppen sowohl in Serbien als auch im Kosovo in Kontakt zu treten, blieben die Proteste zahlenmäßig schwach und politisch unsicher.
Arranca!-Redaktion
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